Gräberfeld Franzhausen-Kokoron (UFK)

[Organisation des Projektes UFK]

 

Leitung

Dr. Michaela Lochner

Tel. +43 1 51581 2401

Fax +43 1 51581 2400

michaela.lochner@oeaw.ac.at

 

Koordination/wiss. Bearbeitung

Dr. Michaela Lochner

Tel. +43 1 51581 2401

Fax +43 1 51581 2400

michaela.lochner@oeaw.ac.at

 

Dr. Irmtraud Hellerschmid

Tel. +43 1 51581 2408

Fax +43 1 51581 2400

irmtraud.hellerschmid@oeaw.ac.at

 

Anthropologische Bearbeitung

Dr. Silvia Renhart

silvia.renhart@univie.ac.at

 

Naturwissenschaftliche Untersuchungen

Tierknochen

Mag. Dr. G. K. Kunst

Tel. +43 1 4277 40306

guenter.karl.kunst@univie.ac.at

 

Malakologie

Univ.-Doz. Dr. Christa Frank

Tel. +43 1 4277 54706

 

Statistik

Univ.-Doz. DDr. Peter Stadler

Tel. +43 1 52177 219

peter.stadler@nhm-wien.ac.at

 

 

[Forschungsgeschichte zur Fundstelle]

Die ersten Brandgräber in der KG Franzhausen, Flur Kokoron, Marktgemeinde Nußdorf ob der Traisen, pol. Bez. St. Pölten, Niederösterreich wurden im Jahre 1981 während des Baues der Kremser Schnellstraße S 33 angeschnitten. Durch sofort eingeleitete Rettungsgrabungen der Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes unter der Leitung von Dr. J.-W. Neugebauer konnte im Laufe von mehreren Jahren nahezu das gesamte Gräberfeldareal erfasst werden.

 

Im März 1981 fanden sich im südöstlichen Teil der Flur Kokoron, an einer Niederterrassenkante auf den Parz. Nr. 332–334, 336, 337 und 339 verschiedenste Verfärbungen und teilweise zerstörte Brandgräber. Bei den ab 13. April bis Ende Juni andauernden Rettungsgrabungen wurden der östlich angrenzende Humuslagerplatz und ein Teil des Ackerlandes auf Parz. Nr. 336 untersucht. Hierbei konnten insgesamt 226 Brandgräber freigelegt werden.

Im Frühjahr 1982 wurde durch eine Schotterabbaufirma ein unmittelbar östlich an die S 33 anschließender, etwa 20 Meter breiter Streifen auf den Parz. Nr. 336, 337 und 339 abgeschoben und teilweise auch gleich abgebaut. Bei der daraufhin sofort durchgeführten Bergung kamen vom 1981 entdeckten Urnenfriedhof erneut 37 Brandgräber zum Vorschein.

Im Jahre 1983 konnten auf Parz. Nr. 336 und 337 acht weitere Bestattungen geborgen werden.

1984 war das Hauptziel der Ausgrabung die vollständige Erfassung des Brandgräberfeldes. Die Untersuchungen erbrachten aber nicht nur den Ostabschluss des bisherigen Friedhofes, sondern, nach einem etwa 30 Meter breiten Zwischenraum mit nur einer geringen Belegung, einen weiteren, horizontalstratigraphisch älteren Friedhofsteil.

Neben den urnenfelderzeitlichen Brandgräbern traf man eine große Anzahl verschiedenartigster Verfärbungen an. Es waren vorwiegend Siedlungsspuren (Pfosten, Kulturgruben, eingetiefte, kellerartige Objekte und Fundamentgräbchen) der frühen Bronzezeit, Hallstatt- und Latènekultur.

Zuletzt kamen 1991 noch 17 Brandgräber des in dieser Zone nun weitgehend ergrabenen Areals der Flur Kokoron zutage.

 

Insgesamt wurden in den Jahren 1981–84 und 1991 auf einer ca. 12.000 m2 großen Fläche 403 Bestattungen der jüngeren Urnenfelderzeit ausgegraben. Berücksichtigt man die Verluste, durch Bauarbeiten und die Ackertätigkeit an den sehr seicht liegenden Beisetzungen entstanden, kann man einen ca. 500 Bestattungen zählenden Friedhof annehmen.

 

 

[Überblick zum Gräberfeld]

Die Brandgräber von Franzhausen-Kokoron lassen sich in eine ältere Ost- und eine jüngere Westgruppe gliedern, wobei die Belegung am Ende der älteren Phase der mitteldonauländischen Urnenfelderkultur beginnt und bis zum Übergang zur Hallstattkultur andauert (Ha A2/B1–HaB3). Der ältere Friedhofsteil ist im Gegensatz zum jüngeren locker angeordnet.

Mehr oder minder in den Schotter eingetieft, fanden sich sowohl erkennbar durchwegs Urnengräber. Es handelte sich in der Regel um runde oder quadratische Gruben von 0,4–1,0 Meter Durchmesser bzw. Kantenlänge. Vereinzelt konnten, vor allem im älteren Teil, quadratische „Grabgärten“ nachgewiesen werden. Im jüngeren Westteil war lediglich in einem Fall ein kleiner quadratischer Graben vorhanden. Eigenartig waren im Bereich der älteren Gräber eingetiefte Deponien ausgeglühter Steine ohne Leichenbrandspuren. An einer Stelle inmitten des jüngeren Friedhofteils wurde unter dem Humus auf einer unregelmäßig ovalen Fläche von 3,0 x 2,5 Metern eine aschige, holzkohlehältige Schicht angeschnitten. Es handelt sich vermutlich um die Reste eines zentralen Verbrennungsplatzes.

Bei den lediglich durch den rezenten Ackerbau gestörten, sonst aber unberaubten Bestattungen ist der Reichtum an gut datierbaren Bronzen auffallend groß. Die Bronzeobjekte sind teilweise intakt oder feuerdeformiert, und es gibt eine große Vielfalt an Schmucknadeln (z.B. Vasenkopfnadeln), Fibeln (z.B. Harfenfibeln, einteiligen Drahtbügelfibeln, Brillenfibeln), Hals- und Armreifen, Rasiermessern (z.B. halbmondförmige Rasiermesser mit Ringgriff) und Messern (z.B. Griffdornmesser der Typen Wien-Leopoldsberg und Baumgarten, Vollgriffmesser). Besonders hervorzuheben sind ein goldener Lockenring sowie eine Bronzetasse vom Typ Jenišovice und eine kalottenförmige Bronzeschale mit feiner Ritzverzierung, ebenso Rand- und Zierbeschläge von Holzgefäßen. Neben diesen Bronzen fanden sich auch bereits vereinzelt Eisenmesser als Grabbeigabe. Insgesamt konnten 529 Metallobjekte dokumentiert werden.

Die in den Gräbern zahlreich vorhandenen Keramikgefäße enthielten den Leichenbrand des Verstorbenen und die Speisebeigaben für das Jenseits.

 

Die Bearbeitung der Leichenbrände wird von Dr. Silvia Renhart durchgeführt. Zur anthropologischen Auswertung konnten 390 Individuen aus 364 Gräbern herangezogen werden.

 

Speisebeigaben sind in Form von unverbrannten, in seltenen Fällen von verbrannten Tierknochen erhalten. Vielfach stammen sie aus Gefäßen des Grabinventars oder zumindest aus den unmittelbaren Grabbereichen. Ca. 100 Gräber enthielten einen oder mehrere entsprechende Fundposten. Die Auswertung der Tierknochen erfolgt durch Mag. Dr. G. K. Kunst.

 

 

[Tierknochen]

Den zahlenmäßig bedeutendsten Anteil nehmen zusammengehörige Skelettelemente vom Hausschwein und insbesondere vom kleinen Hauswiederkäuer ein. Soweit erkennbar, dürfte unter der zuletzt genannten Gruppe nur das Hausschaf vertreten sein. Die Qualität der Knochenerhaltung schwankt stark, in mehreren Fällen war jedoch die Rekonstruktion ganzer Gliedmaßenabschnitte möglich, wobei manchmal noch die anthropogenen Zerlegungsspuren zu erkennen sind.

Das häufigste Beispiel für diese Fundgruppe bilden Verbände von Elementen der Vorderextremität von Schafen, welche im Idealfall Schulterblatt, Ober- und Unterarmknochen sowie einzelne Handwurzelknochen umfassen können. Es handelt sich hierbei um die Überreste von zugerichteten Fleischportionen, wie aus dem konstanten Fehlen der distalen (körperfernen) Extremitätenelemente und dem mehrfach belegten, assoziierten Auftreten von Rippenfragmenten derselben Körperseite hervorgeht. Letztere stammen stets aus dem vordersten Abschnitt (erste bis sechste Rippe) und belegen, dass die als Beigaben vorgesehenen Schulterstücke mit Teilen des Brustkorbes aus dem Tierkörper herausgelöst wurden. Sie gelangten sodann ohne die fleischarmen distalen Gliedmaßenabschnitte in die Grabbereiche und sind somit als Fleischbeigaben im eigentlichen Sinn anzusprechen. Bei Einbeziehung dieser Fälle ist von einer Gesamtzahl von über vierzig Gräbern mit beigegebenen Schulterstücken auszugehen.

Manchmal enthielt ein Befund auch mehrere Knochensätze. Aus Grab 444 stammen etwa Elemente von einem rechten Vorder- und von einem linken Hinterlauf eines Schafes sowie eine Schweinsrippe. In Grab 20 ist wiederum eine Schafschulter mit verschiedenen Resten eines jungen Schweines vergesellschaftet.

Während die bisher besprochenen Tierreste Verbandfunde aus fleischreichen Körperpartien darstellen, könnte es sich bei den nur in sechs Gräbern vorhandenen isolierten Rinderlangknochen auch um Hinweise auf symbolische Speisebeigaben handeln. Darauf deutet etwa das Auftreten von je einem Oberarm- und Oberschenkelknochen in Grab 260.

Tierreste bilden in Franzhausen aber auch in Form sogenannter Astragalsätze selbständige Elemente der Grabinventare. Dabei handelt es sich um Assoziationen von Astragalen (Roll- bzw. Würfelbeinen, Tali), die in 14 Gräbern, zumeist in Gefäßinhalten, angetroffen wurden, wobei durchaus verschiedene Tierarten simultan vertreten sein können. Im Unterschied zu den Speisebeigaben weist diese Fundgruppe öfters Spuren von Feuerbeeinflussung auf.

 

(Kurzfassung aus: Kunst G. K., Beobachtungen an Tierknochen aus dem urnenfelderzeitlichen Gräberfeld Nußdorf ob der Traisen, NÖ. In: Lochner M. (Red.), Broschüre zum Symposium „Die Urnenfelderkultur in Österreich – Standort und Ausblick“, eine Veranstaltung der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 24.–25. April 2003, © by PK/ÖAW 2003, 53 f.)

 

 

[Mollusken]

Acht Brandgräber des Gräberfeldes enthielten Molluskenbeigaben in Ein- oder Mehrzahl, die als Schmuck- oder Trachtbestandteile zu interpretieren sind. Da die Molluskenschalen fast alle in sehr gutem Erhaltungszustand sind, dürften die Objekte erst nach der Leichenverbrennung beigelegt worden sein.

Es handelt sich um drei Arten von Landschnecken, die während der Belegungszeit des Gräberfeldes im Gebiet gelebt haben, sowie um zwei Arten von Süßwassermuscheln, die entweder aus der Traisen oder aus der Donau stammen und ebenfalls zeitgleich sind. Die ersteren zeigen eindeutige Bearbeitungsspuren in Form von Perforationen, die zwecks Auffädelns bzw. Aufnähens auf Kleidungsstücken gesetzt worden sind, die letzteren sind (mit einer Ausnahme?) unbearbeitet beigegeben.

Die zahlenmäßig vorherrschende Art ist Zebrina detrita (O. F. Müller 1774) (Buliminidae), die Märzen- oder Zebraschnecke, gegenwärtig meridional verbreitet. Bei den anderen Landschnecken handelt es sich um die Gerippte Bänderschnecke, Cepaea vindobonensis (A. Férussac 1821) (Helicidae), ost- und südosteuropäisch verbreitet, und um die Dreizahn-Vielfraßschnecke, Chondrula tridens (O. F. Müller 1774), mittel-, ost- und südosteuropäisch verbreitet. Alle sind Bewohner warmer, trockener Rasenbiotope, Böschungen, xerothermer Buschlandschaften, auch von Weinbergen. Die Großmuscheln (Unionidae) sind Unio pictorum (Linnaeus 1758), die Gemeine Malermuschel (europäisch; verschiedene Fließ- und Stehgewässer), und die Gemeine Flußmuschel, Unio crassus Philipsson (europäisch; saubere Bäche und Flüsse).

Man könnte annehmen, dass der Schmuck aus den dekorativen Zebrina- und Cepaea-Schalen einen lokalen „Modetrend“ der im Fundgebiet lebenden urnenfelderzeitlichen Frauen repräsentiert. Attraktiv an Zebrina ist sowohl die Schalenform, die entfernt zahnähnlich ist, als auch die unregelmäßige blaß-rötliche bis violettbraune Längsstreifung bis -flammung, an Cepaea die helicoide Schale mit den dunkelbraunen Spiralbändern. Während die einfach gelochten Individuen sehr wahrscheinlich aufgefädelt als Kette getragen worden sind, eventuell beide Arten kombiniert und alternierend, auch Zebrina allein, gehörten die zweifach gelochten vermutlich dem Kleidungsbesatz an, d. h. sie wurden direkt aufgenäht. Da nur wenige Individuen zweifach perforiert sind, könnte man weiter folgern, dass die Dekoration von Kleidungsstücken mit Schneckenschalen eher spärlich war oder dass die Schalen auch als eine Art (Zier-)Knöpfe gedient haben könnten.

Die Reste der Unio-Klappen bei den höchstwahrscheinlich weiblichen Bestattungen könnten symbolhaften Charakter haben (Muschelschale – Weiblichkeitssymbol). Die Fragmente zeigten keinen Hinweis für eine eventuelle geräthafte Verwendung oder eine Lochung, die auf das Tragen nach Art eines Anhängers schließen ließe. Möglicherweise Symbol- oder Amulettcharakter hat auch die Einzelklappe von Unio crassus aus einer Kinderbestattung. Eine Beigabe als „Wegzehrung“ dürfte eher nicht anzunehmen sein, da in diesem Fall mehrere Individuen beigegeben worden wären.

(Kurzfassung aus: Frank C., Über urnenfelderzeitliche Schmuckschnecken aus Nußdorf ob der Traisen, NÖ, Anzeiger der phil.-hist. Klasse 135. Jahrgang, 2000, 5–20.

 

 

[Literatur] (Auswahl)

Frank C., Über urnenfelderzeitliche Schmuckschnecken aus Nußdorf ob der Traisen (Niederösterreich), Anzeiger der phil.-hist. Klasse 135. Jahrgang, 2000, 5–20.

 

Hellerschmid I., Lochner M., Keramische Grundformen der mitteldonauländischen Urnenfelderkultur – Vorschlag für eine Typologie(-grundlage), Arch. Österr. 19/1, 2008, 57–60.

 

Kunst G. K., Beobachtungen an Tierknochen aus dem urnenfelderzeitlichen Gräberfeld Nußdorf ob der Traisen, NÖ. In: Lochner M. (Red.), Broschüre zum Symposium „Die Urnenfelderkultur in Österreich –Standort und Ausblick“, eine Veranstaltung der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 24.–25. April 2003, © by PK/ÖAW 2003, 53 f.

 

Lochner M., Späte Bronzezeit, Urnenfelderzeit. Aktueller Überblick über die Urnenfelderkultur in Ostösterreich. In: Neugebauer J.-W., Bronzezeit in Ostösterreich, Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich 98/99/100/101, 1994, 195–224 (222 f. Gräberfeld Nußdorf/Franzhausen).

 

Lochner M., Ein Gräberfeld der jüngeren Urnenfelderkultur aus Nußdorf ob der Traisen, Niederösterreich. In: Lochner M. (Red.), Broschüre zum Symposium „Die Urnenfelderkultur in Österreich – Standort und Ausblick“, eine Veranstaltung der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 24.–25. April 2003, © by PK/ÖAW 2003, 51–53.

 

Neugebauer J.-W., Archäologie in Niederösterreich. St. Pölten und das Traisental. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten–Wien 1993 (84–86 Gräberfeld Nußdorf/Franzhausen).